Regionalbischöfin Marianne Gorka zu den Missbrauchsfällen in der Kirche: „Jeder einzelne Fall ist schon einer zu viel”

Nachricht 15. Juni 2024

In einem Interview mit der Landeszeitung (LZ) hat sich Marianne Gorka, Regionalbischöfin des Sprengels Lüneburg, zum Thema „sexualisierte Gewalt“ in der hannoverschen Landeskirche geäußert. Darin betont sie unter anderem die Notwendigkeit, die Kirche auch in Zukunft als angstfreien Raum zu erhalten.

Anlass des Interviews war ein gemeinsames Schreiben, in dem kürzlich mehr als 200 evangelische Kirchenbeschäftigte den Umgang der hannoverschen Landeskirche mit Fällen sexualisierter Gewalt kritisierten. Anlass des Schreibens war unter anderem die sogenannte Forum-Studie, die seit 1946 allein im Bereich der Landeskirche 122 Beschuldigte benannte und Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Fälle anmerkte.

Kulturwandel in der EKD ist bereits im Gange

Regionalbischöfin Gorka betonte im Gespräch mit der LZ, dass sich die gesamte Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) mitten in einem Kulturwandel befindet. Allein ihr Amtsantritt sei Teil des strukturellen Kulturwandels. So werden seit einem Jahr solche Positionen EKD-weit öffentlich ausgeschrieben, und der Bischofsrat besteht nun aus vier Frauen und zwei Männern. „Das ist ein Zeichen des Wandels, denn solche Posten wurden jahrzehntelang von Männern dominiert“, sagte Gorka.

Der Kulturwandel im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen erfordert ihr zufolge auch, dass liturgische und theologische Aussagen, wie die Rede von Vergebung, nicht leichtfertig und zu schnell verwendet werden, um Missverständnisse und zusätzliche Belastungen der Betroffenen zu vermeiden.

Strukturelle Änderungen zur Unterstützung der Betroffenen

Eine der ersten Maßnahmen in der Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt in der Kirche ist die signifikante Aufstockung der entsprechenden Fachstelle, die künftig dem Präsidenten des Landeskirchenamtes unterstellt wird. Verdachtsfälle sollen konsequent und schnell an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet werden, um den Betroffenen mehr Unterstützung und Begleitung bei den Aufarbeitungsprozessen zu bieten.

aut der Forum-Studie wurden seit 1946 allein im Bereich der Landeskirche 122 Beschuldigte genannt. Für den Sprengel Lüneburg liegen die Zahlen im niedrigen zweistelligen Bereich. „In Relation zur Größe des Sprengels gibt es weder eine Häufung noch eine unterdurchschnittliche Zahl von Fällen, doch jeder einzelne Fall ist einer zu viel“, erklärte Gorka.

Die Regionalbischöfin betonte die Wichtigkeit, die Kirche als einen geschützten und angstfreien Raum zu bewahren. „Die Menschen müssen die Kirche als einen Ort erleben, wo sie den Glauben als etwas Gutes, Fröhliches und Befreiendes erfahren und eine gute, tragende Gemeinschaft erleben können.“ Außerdem forderte sie eine hierarchieärmere Struktur und mehr Transparenz bei Entscheidungsprozessen.