Erinnern heißt wach bleiben. Ein Beitrag von Regionalbischöfin Marianne Gorka zum Holocaust-Gedenktag 2026

Nachricht 27. Januar 2026

Ich stehe an der Gedenkstätte in der Lüneburger Altstadt. Hier, wo heute eine Schrifttafel, helle Steine und Symbollinien an die Vergangenheit erinnern, stand einst die Synagoge der Lüneburger Jüdinnen und Juden. Sie bot rund 200 Menschen Platz – Raum für Gottesdienst, Begegnung, für das, was jüdisches Leben in einer Stadt ausmacht: Glaubensgemeinschaft, Gebet und Zusammenhalt.

Doch mit der Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Gemeinde entrechtet und zerschlagen. Schließlich wurde sie gezwungen, ihre Synagoge weit unter Wert zu verkaufen – und auf eigene Kosten abreißen zu lassen. Eine doppelte Entwürdigung.

"Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen – für die Gegenwart und für das Zusammenleben heute."

Marianne Gorka, Regionalbischöfin Sprengel Lüneburg
Seit 1950 erinnerte ein Gedenkstein an die ehemalige Synagoge. Aufgestellt haben ihn jüdische, so genannte Displaced Persons, die der Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde nachforschten. Angefertigt hat ihn Steinmetzmeister Dörries. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Wenn ich heute, Jahrzehnte später, an dieser Stelle stehe, spüre ich deutlich: Erinnern ist nichts Vergangenes. Es geht uns an – hier und heute. Die Geschichte dieser Stadt verbindet sich mit der großen Geschichte der Schoah, der Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden in Europa. Und sie verbindet sich mit unserer Verantwortung, wach zu bleiben.

Auch im Sprengel Lüneburg gibt es Orte der Erinnerung. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen zum Beispiel erinnert an die unvorstellbaren Verbrechen, an Leid und Unrecht, das Menschen einander angetan haben. Dieses Erinnern ist schmerzlich – aber notwendig.

Architekt der Gedenkstätte ist Carl-Peter von Mansberg aus Lüneburg. Bei seinem Entwurf hat sich von Mansberg intensiv mit den alten Bauplänen und dem ursprünglichen Grundriss der ehemaligen Synagoge auseinandergesetzt. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Denn das Erinnern hält uns wach. Die Bibel spricht immer wieder davon: Vergiss nicht. Nicht, um uns Schuld zuzuweisen, sondern um uns zu mahnen, aufmerksam zu bleiben. Wachsam gegenüber jedem Versuch, Menschen ihre Würde zu nehmen – sei es durch Vorurteile, Ausgrenzung oder Hass.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz aus unserem Grundgesetz ist kein leerer Verweis auf die Vergangenheit, sondern eine tägliche Aufgabe. Gleich, wie ein Mensch liebt, was er glaubt oder wie er lebt – die Würde des Menschen darf nie verhandelbar werden.

Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen – für die Gegenwart und für das Zusammenleben heute.

Über die Gedenkstätte der Synagoge in Lüneburg

Die Lüneburger Synagoge vor Ihrer Zerstörung Am Schifferwall. (Foto: Luenepedia).

Die Lüneburger Synagoge wurde 1892 an der Reichenbachstraße errichtet und bot rund 200 Personen Platz. Sie war über Jahrzehnte das religiöse und kulturelle Zentrum der jüdischen Gemeinde. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung wurde die Gemeinde schrittweise entrechtet und schließlich gezwungen, die Synagoge weit unter Wert zu verkaufen und den Abriss selbst zu finanzieren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand keine neue jüdische Gemeinde in Lüneburg. Seit 2018, dem 80. Jahrestag der Pogromnacht, erinnert an der historischen Stelle eine Gedenkstätte an das jüdische Leben in der Stadt und an die Opfer der Schoah.

Die Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e. V., Ela Griepenkerl, hatte die Initiative für die Neugestaltung ergriffen und den Kontakt zu Architekt Carl-Peter von Mansberg hergestellt. In einem Arbeitskreis haben sich viele Stellen im Entstehungsprozess eingebracht, neben Hansestadt und Gesellschaft, auch die Kirchen, die Geschichtswerkstatt, die VVN, das Museum, Prof. Dirk Stegmann, die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, der Kultur- und Partnerschaftsausschuss und viele mehr.

Die Gesamtkosten beliefen sich auf 240.000 Euro, finanziert wurde das Projekt maßgeblich durch Spenden. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e.V. hat die Einwerbung der Spendengelder unter Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters Ulrich Mädge übernommen.

50.000 Euro kamen von der Hansestadt Lüneburg, ebenso 50.000 Euro von der Sparkassenstiftung Lüneburg, weitere 25.000 Euro trugen die Industrie- und Handelskammer Lüneburg (IHK) sowie 20.000 Euro der Landkreis Lüneburg.

Hinzu kamen Spenden der Lutherischen Landeskirche, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsen, des Bistums Hildesheim, des Dekanats Lüneburg und des Lüneburger Unternehmers Henning J. Claassen. Weitere Unterstützer des Projekts sind das Museum Lüneburg und die Geschichtswerkstatt Lüneburg. Insgesamt hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e. V. mehr als 48.000 Euro in Form von Einzelspenden und Kirchenkollekten gesammelt.

Infos der Hansestadt Lüneburg

Botschaft der Regionalbischöfin

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages hat Regionalbischöfin Marianne Gorka die Gedenkstätte der Synagoge besucht und einen Appell des Erinnerns formuliert.

Diesen können Sie in einem Video auf dem Instagram-Kanal des Sprengels Lüneburg verfolgen.

zum Video auf Instagram