Und konkret?! Gedanken über offene Türen unserer Kirche.

Ein Gastbeitrag von Frauke Weyhausen

"Kirche hat offene Türen, die noch weiter geöffnet sein dürfen" höre ich oft. Aber was bedeutet das konkret?

Wenn ich mir eine offene Kirche vorstelle, sehe ich am Eingang eine Schutzkerze. Ein Licht, das Menschen, die (sexualisierte) Gewalt und Leid erfahren haben, signalisiert: Wir sehen hin. Wir hören zu. Wir handeln.

Unweit davon liegt ein Buch, in dem Gefühle Raum haben: Wut, Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Trauer ebenso wie Freude und Sehnsucht. Erwachsene dürfen Gefühle ebenso leben wie Kinder – und ich traue den Menschen zu, dass das in einem respektvollen Rahmen geschieht.

Mehr als ein Ort der Stille

Oft heißt es: Kirche sei ein Ort der Stille. Ja, das darf sie sein. Gleichzeitig braucht es auch Raum für Gefühle, die uns überwältigen – Wut, Trauer, Scham, Lebensfreude.

Mich macht es wütend, wie oft Menschen denken: "Über sexualisierte Gewalt darf ich nicht sprechen, sonst könnten andere glauben, ich sei betroffen."
So wird Schweigen signalisiert: Aushalten und raushalten. Ich wünsche mir, dass dieses Tabu gebrochen wird.

Darum hat mich der Flyer „Ja! Wir müssen reden“ bewegt, den ich in St. Michaelis Lüneburg entdeckte. Ein Hilfsangebot für Betroffene sexualisierter Gewalt – sichtbar im Schaukasten und sogar auf der Toilette. Ein klares Zeichen: Gewalt hat hier keinen Raum. Ich wünsche mir, dass viele Gemeinden diesem Beispiel folgen.

Eine offene Kirchentür bedeutet Mut – und manchmal auch ein Wagnis. Sie bedeutet, machtsensibel zu sprechen: Worte zu finden, die öffnen, nicht schließen.

Offene Türen brauchen Handeln

Wandel braucht Zeit, ja. Aber auch Vertrauen: dass Menschen mitgehen, wenn sie eingeladen werden.

Hindert Zeit wirklich daran, ein Plakat aufzuhängen? Machtsensible Sprache zu nutzen? Lieder daraufhin zu prüfen, welche Rollen- und Machtbilder sie transportieren?

Eine Kirche, die offen ist für Geschlechter- und Identitätsvielfalt, signalisiert mit Angeboten und Sprache, dass alle willkommen sind. Die Vielfalt der Medien macht es möglich, viele Menschen mitzunehmen – auf dem Weg des Kulturwandels.

Mein Wunsch

Eine offene Kirchentür bedeutet Mut – und manchmal auch ein Wagnis. Sie bedeutet, machtsensibel zu sprechen: Worte zu finden, die öffnen, nicht schließen. Gott nicht nur als Herr und Vater zu benennen, sondern auch als Quelle, Licht, Liebe. Begriffe wie Schuld, Gnade oder Vergebung nicht stehen zu lassen, sondern zu erklären.

So entsteht eine Sprache, die Menschen ernst nimmt und einlädt.
Was ich hier teile, sind Impulse – Einladungen zum Nachdenken und zum gemeinsamen Handeln.

Vielleicht ist es das Licht am Eingang, das leuchtet und signalisiert:
Hier wird hingeschaut. Hier wird zugehört. Hier wird machtsensibel gesprochen. Betroffenen wird geglaubt.

Insbesondere bei gesellschaftlich sensiblen Themen – Themen, die das innere Herz der Kirche berühren – werden Türen oft verschlossen. Fragen verhallen. Nicht immer, aber zu oft.

Und es ist schade, dass Menschen aus der Gemeinde das Gespräch verwehrt bleibt. Manche gehen weiter mit ihren Fragen, bis sie eine offene Tür finden. Manche drehen um und gehen. Wieder andere schweigen mit.
Mein Wunsch ist eine Kirche, die offen ist – und sich weiter öffnet. Mit konkreten Zeichen und Maßnahmen.

Ja! Wir müssen reden – über offene Türen, über machtsensible Sprache, über Themen, die schmerzen und Angst machen– wie sexualisierte Gewalt.

Das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Landeskirche Hannovers

Vor zwei Jahren legte eine Studie das Ausmaß der sexualisierten Gewalt in den evangelischen Kirchen in Deutschland offen. Vieles wurde seitdem angestoßen, sagt die inzwischen zurückgetretene Betroffenensprecherin Nancy Janz. Doch grundlegende Veränderungen dauerten zu lange.

Im Mittelpunkt steht die ForuM-Studie, die vor zwei Jahren ein deutlich größeres Ausmaß sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche sichtbar gemacht hat, als zuvor angenommen. Sie erfasste für den Zeitraum von 1946 bis 2020 mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßliche Täter und ging von einer noch höheren Dunkelziffer aus. Die unabhängigen Forschenden attestierten EKD und Diakonie erheblichen Nachholbedarf bei Aufarbeitung und Prävention. Sie beschrieben kirchliche Strukturen als geprägt von Verantwortungsdiffusion, Konfliktunfähigkeit und einem Harmoniezwang, der Aufklärung behindert. Betroffene hätten in der Regel kaum Unterstützung und zu wenig Sensibilität erfahren, wenn sie Taten bei kirchlichen Stellen meldeten.

Zwei Jahre nach dieser Studie sieht Nancy Janz zwar Fortschritte, kritisiert aber, dass grundlegende Strukturveränderungen zu langsam und in den Landeskirchen uneinheitlich erfolgen. Die Auseinandersetzung mit Machtstrukturen in der Kirche, die die Studie indirekt mitproblematisiert, habe zwar begonnen, sei aber noch unzureichend. Dorothee Wüst, Sprecherin der kirchlich-diakonischen Beauftragten im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt von EKD und Diakonie, folgert aus den Erkenntnissen der ForuM-Studie, das Thema müsse „in die DNA von Kirche und Diakonie“ eingehen. Sie fordert einen Kulturwandel und eine Haltungsänderung, weil sich noch immer nicht alle kirchlichen Verantwortlichen ihrer Aufgabe in der Missbrauchsaufarbeitung stellen. Als wichtigen Fortschritt, der auch auf den Druck der ForuM-Studie zurückgeht, benennt sie, dass Betroffene inzwischen in Entscheidungsprozesse zum Umgang mit sexualisierter Gewalt einbezogen werden.

Forum-Studie zum Download

Über Frauke Weyhausen

Frauke Weyhausen (Foto:Anne-Katrin Schwanitz)

Frauke Weyhausen (43) lebt in Lüneburg und ist Mitglied der St.-Michaelis-Gemeinde. Sie ist ehrenamtlich beim Verein checkpoint-queer e.V. aktiv und setzt sich für die Zusammenarbeit zwischen queeren Organisationen und der Kirche ein. 

2024 wurde sie mit dem queeren Ehrenamtspreis "Goldmarie" ausgezeichnet. Neben ihrem Engagement als Netzwerkerin und Ideengeberin ist sie Poetry Slammerin und begeisterte Radreisende.

In einem Interview hat Frauke Weyhausen bereits ihre Gedanken zum Thema Diversität in der Kirche geteilt.

Instagram: @frauke_unterwegs

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Materialien zum Thema sexualisierte Gewalt

Null Toleranz gegenüber den Taten und Transparenz bei der Aufarbeitung sind die Leitprinzipien des landeskirchlichen Vorgehens in Fällen sexualisierter Gewalt. Unterstützung für betroffene Personen und Prävention zum Schutz vor Gewalt liegen im Fokus kirchlichen Handelns. Auf einer Webseite der Landeskirche Hannovers finden Sie Materialien, aktuelle Informationen und Nachrichten zum Thema sexualisierte Gewalt, die Sie für Ihre Arbeit in den Kirchengemeinden und Einrichtungen unterstützend in der Öffentlichkeitsarbeit verwenden können.

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