Wer Bachs Johannes- oder Matthäus-Passion liebt, sollte auch die Markus-Passion kennenlernen – selbst wenn sie musikalisch nur fragmentarisch überliefert ist.
Kirchenmusikdirektor Dr. Ulf Wellner aus dem Sprengel Lüneburg erläutert, warum gerade dieses unvollständige Werk eine besondere Faszination entfaltet, Trost spenden kann und in krisenhaften Zeiten überraschend aktuell wirkt. Vor der Aufführung in der St. Johanniskirche gibt er Einblicke in die Herausforderungen der Rekonstruktion – und in ihre Bedeutung für Kirche und Gesellschaft.
Das Rätsel der verlorenen Passion
Die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach gilt als verschollen. Erhalten sind lediglich Teile der Musik, ergänzt durch moderne Kompositionen, die die fehlenden Texte vertonen. „Es war die dritte große Passion Bachs. Es sind nur Teile davon erhalten“, erklärt Dr. Ulf Wellner.
Während sich barocke Elemente wie Arien, Eingangs- und Schlusschor sowie Choräle zumindest teilweise rekonstruieren lassen, bleibt der biblische Erzählkern – die eigentliche Handlung – musikalisch verloren. Er existiert nur noch als Libretto. Wellner zeigt ein originales Heftchen, das die Gemeinde damals mitlas: „Wort für Wort, was damals von Bach vertont worden ist – nur eben die Musik leider nicht.“
Wie mit diesen Lücken umzugehen ist, darüber gehen die Ansätze auseinander. Manche Komponisten versuchen, Bachs Stil zu imitieren, andere greifen auf vorhandene Werke zurück. Besonders überzeugt Wellner die Lösung von Volker Bräutigam: „Er hat gesagt, auf keinen Fall mache ich das im Bachstil – das kann nur schiefgehen –, sondern ich schreibe bewusst modern, als Gegenüber, das dennoch auf Bach bezogen ist.“
Fragment und Faszination
Gerade das Unvollständige übt einen besonderen Reiz aus. Wellner zieht den Vergleich zur Kunstgeschichte: „Dass uns ein Fragment fasziniert, ist kein neues Phänomen. Es gibt Skulpturen von Michelangelo, die nicht vollendet sind und gerade deshalb einen besonderen Status haben.“
Was fehlt, fordert die eigene Vorstellungskraft heraus. „Dort, wo etwas offen bleibt, wo man sich nicht einfach berieseln lassen kann, beginnt man zu fragen: Was wäre dort gekommen?“ Diese produktive Leerstelle schafft Spannung – und eröffnet Spielräume für Interpretation.