Unter offenem Himmel: Wie die Gartenkirche in Lüneburg Kirche neu erzählt

Wie Stephan Jacob mit der Gartenkirche in Lüneburg einen überraschenden Ort für Glauben, Gemeinschaft und Gegenwart geschaffen hat

Wer die Gartenkirche in Lüneburg zum ersten Mal betritt, glaubt vielleicht, einen hübsch gepflegten Gemeindegarten vor sich zu haben. Doch schon nach wenigen Schritten verschiebt sich der Eindruck. Zwischen Bäumen, Rosen, Steinen, Hühnern und einem Zaun, der zum Kommunikationsraum geworden ist, entsteht etwas, das schwer zu benennen und gerade deshalb so eindrucksvoll ist: ein Kirchenraum ohne Wände, ein liturgischer Ort ohne Dach, eine geistliche Landschaft, die sich nicht in Kategorien fassen lässt, sondern im Erleben erschließt.

Pastor Stephan Jacob bringt das in einem Satz auf eine Formel, die schlicht klingt und doch das ganze Konzept trägt: „Die Gartenkirche ist etwas Besonderes, weil es eine Kirche ist, in einem Garten, und das Dach ist der offene Himmel.“ Mehr braucht es eigentlich nicht, um den Kern dieses Ortes zu verstehen. Die Gartenkirche lebt von einer Spannung, die im kirchlichen Raum selten so überzeugend ausbalanciert ist: Sie ist offen und geschützt zugleich, niedrigschwellig und doch verdichtet, alltäglich und dennoch von symbolischer Kraft.

„Die Gartenkirche ist etwas Besonderes, weil es eine Kirche ist, in einem Garten, und das Dach ist der offene Himmel.“ 

Pastor Stephan Jacob

Die erste Schwelle

Die Gartenkirche beginnt nicht erst an der Andachtsfläche, sondern bereits auf dem Weg dorthin. Ein Schild unter dem Kastanienbaum, der Zaun mit Bannern und Bildern, die Schwelle am Eingang: All das signalisiert, dass hier jemand einen Raum bewusst markiert hat. Jacob erzählt, dass für manche genau an dieser Stelle die Entscheidung fällt, ob sie eintreten oder nicht. Die Gartenkirche nimmt diese Entscheidung ernst, ohne sie zu dramatisieren. Sie lockt nicht mit Schwellenangst, sondern mit Einladung.

Dass der Ort funktioniert, hat auch mit seiner klugen Dramaturgie zu tun. Hier ist nichts bloß dekorativ. Der Weg, die Begrenzung, das Licht, die Blickachsen, die Nähe zur Natur: Alles wirkt wie eine sorgfältig komponierte Vorrede auf das, was folgt. Die Gartenkirche ist kein Zufallsprodukt des lockeren Frühlingsgefühls, sondern ein gestalteter Raum, der Offenheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt.

Geboren aus der Krise

Dass diese Kirche unter freiem Himmel entstehen konnte, hat mit der Pandemie zu tun — und zugleich mit einer geistlichen Beweglichkeit, die aus der Not etwas Eigenes machte. Zunächst war da die digitale Wohnzimmerkirche für Kinder und Familien, ein Format, das in den Monaten der Isolation Verbundenheit schaffen sollte. Doch bald wurde klar, dass digitale Nähe allein nicht reicht. Die Menschen brauchten auch wieder einen realen Ort. Einen Ort, an dem man sich sehen, hören, spüren konnte.

So wurde aus dem Gemeindegarten die Gartenkirche. Nicht als nostalgische Rückkehr zu „früher“, sondern als konsequente Weiterentwicklung. Die Corona-Zeit war der Auslöser, aber nicht das eigentliche Motiv. Im Hintergrund stand die Einsicht, dass Kirche dann lebendig wird, wenn sie sich den Bedingungen der Gegenwart nicht nur anpasst, sondern aus ihnen heraus neue Formen entdeckt. Die Gartenkirche ist deshalb nicht bloß ein Corona-Projekt, sondern ein Beispiel dafür, wie aus einer Ausnahmesituation eine neue Sprache des Glaubens entstehen kann.

"Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Resonanz. Nicht um das Abarbeiten einer Form, sondern um eine Form, die atmen darf. Es geht  umwohl überlegte Spontaneität."

Pastor Stephan Jacob
Überall in der Gartenkirche sind Stillleben zu finden. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Gottesdienst als offenes Geschehen

Die Wochenschluss-Andachten am Samstagabend bilden das Herz des Ortes. Sie folgen einer erkennbaren Form, doch diese Form ist beweglich. Psalm, Lied, Lesung, Fürbitten, Vaterunser und Segen gehören dazu, aber das Format bleibt offen für das, was der Abend mit sich bringt. Kinder können auftauchen, Stimmen können sich einmischen, ein Gespräch kann in ein Schweigen übergehen, ein Impuls kann erst im Moment entstehen. Jacob sagt, die Andacht sei ein bisschen wie Jazz: ein grobes Konzept, viel Improvisation, vor allem im Zusammenspiel mit den anderen.

Das ist ein starkes Bild, weil es die Gartenkirche von einem starren Verständnis von Gottesdienst befreit. Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Resonanz. Nicht um das Abarbeiten einer Form, sondern um eine Form, die atmen darf. Jacob spricht von „wohl überlegter Spontaneität“ — eine Formulierung, die fast paradox klingt, aber genau beschreibt, worum es geht: Freiheit braucht Struktur, sonst verliert sie sich. Doch Struktur darf nicht so eng werden, dass sie das Leben nicht mehr hineinlässt.

Ein Ort für Menschen ohne Kirchenroutine

Vielleicht liegt der besondere Reiz der Gartenkirche gerade darin, dass sie auch Menschen anspricht, die mit kirchlichen Innenräumen wenig anfangen können. Hier muss niemand einen Code kennen, um sich willkommen zu fühlen. Man kann kommen, um zu sitzen, zu schauen, zu beten, zu trauern, zu reden oder einfach da zu sein. Jacob formuliert das in einer Sprache, die zugleich theologisch und menschlich ist: Man sei hier willkommen als „ein geliebtes Geschöpf Gottes“.

Aus gefällten Birken entstand dieses Kreuz – geschaffen gemeinsam mit jungen Menschen der Lebenshilfe Borkum. Ein Zeichen dafür, was Miteinander bewirken kann. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Gottesdienst als offenes Geschehen

Das ist ein Satz, der nicht voraussetzt, dass man bereits glaubt. Er schafft erst einmal einen Raum, in dem Glauben überhaupt denkbar wird. Für viele ist das vielleicht der entscheidende Unterschied. Die Gartenkirche fragt nicht zuerst nach Frömmigkeit, sondern nach Anwesenheit. Sie setzt nicht auf Überwältigung, sondern auf Zuwendung. Wer hereinkommt, wird nicht vereinnahmt, sondern eingeladen.

Gerade deshalb wirkt der Ort auf kirchenferne Besucher oft überraschend. Er ist nicht missionarisch im engen Sinn, aber er ist klar in seiner Haltung. Er macht nicht aus seiner christlichen Prägung ein Geheimnis, stellt sie aber auch nicht aus. Das Ergebnis ist eine Form von Offenheit, die nicht beliebig ist, sondern erkennbar Position bezieht.

Natur als Mitakteurin

In der Gartenkirche ist die Natur nicht Kulisse, sondern Bestandteil der Inszenierung — im besten Sinn des Wortes. Bäume, Wind, Wolken, Licht, Tiere, Wetter: Sie alle wirken mit. Die Hühner sind ebenso Teil des Ortes wie die bemalten Steine, die Kreuze, die Totholzhecken oder die kleinen Zeichen, die Menschen hier hinterlassen haben. Die Gartenkirche ist deshalb weniger ein Raum als eine Beziehung: zwischen Glauben und Landschaft, zwischen Gestaltung und Wachsen, zwischen menschlicher Absicht und dem, was sich ihr entzieht.

Jacob betont immer wieder das Provisorische dieses Ortes. Nicht alles bleibt. Nicht alles muss bleiben. Das ist keine Schwäche, sondern Stärke. Denn so kann der Raum sich verändern, ohne seine Identität zu verlieren. Was heute ein Altar ist, war gestern eine Kiste. Was heute ein Kreuz ist, war einst ein ausgedientes Materialstück. Was heute selbstverständlich wirkt, ist Ergebnis von Improvisation, Gemeinschaft und Lust am Gestalten.

Darin liegt eine stille theologische Pointe: Kirche wird nicht dadurch glaubwürdig, dass sie unverrückbar ist, sondern dadurch, dass sie lebendig bleibt.

"In der Gartenkirche ist jede*r willkommen als ein geliebtes Geschöpf Gottes", sagt Pastor Stephan Jacob, (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Zeichen, die Biografien aufnehmen

Besonders eindrucksvoll ist, wie sehr die Gartenkirche persönliche Geschichten aufnimmt. Konfirmandinnen und Konfirmanden gestalten ihre Sprüche als kleine Kunstwerke. Menschen bringen Erinnerungsstücke, Worte, Steine, Symbole. Es entstehen Orte der Trauer, der Hoffnung, des Dankes, des Erinnerns. Der Garten wird dadurch zu einem Raum, in dem Biografien sichtbar werden — nicht monumental, sondern zart, fragmentarisch und genau deshalb berührend.

Jacob erzählt, dass sich die Gartenkirche auch für Trauergespräche besonders eigne. Das hat nicht nur mit der geschützten Atmosphäre zu tun, sondern auch damit, dass hier immer etwas zu sehen ist. Man schaut in den Himmel, auf ein Kreuz, auf einen Stein, auf einen Spruch, auf eine Blume. Der Raum hilft dabei, Worte zu finden — oder auch still zu werden. Und manchmal ist genau das die passende Form der Begleitung.

Eine Kirche, die sich nicht erklärt, sondern zeigt

Die Gartenkirche überzeugt nicht durch große Thesen, sondern durch ihre Erscheinung. Sie will nicht beweisen, dass Kirche modern sein kann. Sie zeigt einfach, wie Kirche sich anfühlen kann, wenn sie nicht von ihrer Architektur her denkt, sondern von ihrer Wirkung. Der Ort ist Einladung, Spielraum, Andachtsraum, Seelsorgeort, Treffpunkt, Experimentierfeld und Rückzugsort zugleich.

Das macht ihn nicht nur religiös interessant, sondern auch kulturell. Denn die Gartenkirche berührt etwas, das viele Menschen heute suchen: einen Ort, der nicht überfordert, aber auch nicht leer bleibt. Einen Ort, der Bedeutung anbietet, ohne sie aufzudrängen. Einen Ort, an dem etwas gesagt werden kann, das größer ist als der Alltag — und doch mitten in ihm steht.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Projekts: Es nimmt die Sehnsucht nach Weite ernst, ohne sie zu romantisieren. Es weiß um die Brüche der Gegenwart, ohne ihnen bloß hinterherzutrauern. Und es zeigt, dass Kirche dort besonders überzeugend sein kann, wo sie nicht in erster Linie Institution ist, sondern gelebte Gastfreundschaft.

Ein Orthopäde repariert normalerweise Knochen – in der Gartenkirche rettete er ein frakturiertes Friedensschaf. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Zeichen, die Biografien aufnehmen

Auch Regionalbischöfin Marianne Gorka ist begeistert von diesem Kleinod: „Mit so viel Liebe gestaltet, über Jahre gewachsen und voller kreativer Ideen – die Gartenkirche zeigt, wie lebendig Kirche sein kann. Hier begegnen sich Menschen, Natur und Glaube auf ganz besondere Weise. Ein wunderschöner Kirch-Raum unter freiem Himmel – und das gleich bei uns im Sprengel. Wie schön!“

Am Ende bleibt Weite

Stephan Jacob hat mit der Gartenkirche keinen Gegenentwurf zur Kirche geschaffen, sondern eine ihrer überraschendsten Möglichkeiten. Sein Satz vom offenen Himmel als Dach ist dabei mehr als ein schönes Bild. Er beschreibt eine Haltung: Vertrauen darauf, dass Glaube nicht immer Räume braucht, die sich abschließen. Manchmal braucht er gerade das Gegenteil — Luft, Licht, Beweglichkeit, Begegnung.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Gartenkirche auch Menschen erreicht, die sich sonst kaum für kirchliche Räume interessieren. Sie wirkt nicht wie eine Einladung in ein System, sondern wie eine Einladung in eine Erfahrung. Man muss nicht kirchlich sein, um zu spüren, dass dieser Ort etwas anbietet, was heute selten geworden ist: Ruhe ohne Stillstand, Gemeinschaft ohne Enge, Sinn ohne Überhöhung.

So finden Sie die Gartenkirche

„So ein Herz will ich auch hier in der Gartenkirche haben", sagte Stephan Jacob. Inspiriert von einem drehenden roten Herz an der Handwerkerbrücke entstand eines der beliebtesten Elemente der Gartenkirche. (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Die Gartenkirche befindet sich auf dem Gelände der Kirchengemeinde St. Michaelis im Lüneburger Stadtteil Oedeme – direkt neben dem Pfarrhaus. Das Gelände ist frei zugänglich und lädt zum Verweilen, Entdecken und Durchatmen ein.

📍 Adresse:
Gartenkirche St. Michaelis Lüneburg
Werner-von-Meding-Straße 2
21335 Lüneburg

🌐 Weitere Informationen:
https://www.sankt-michaelis.de/item/641-Gartenkirche

Video: Stephan Jacob zeigt die Gartenkirche

Mitten in Lüneburg gibt es einen Ort, der überrascht: die Gartenkirche von St. Michaelis. Hier wird Kirche unter freiem Himmel erlebbar – als Raum für Begegnung, Stille, Kreativität und gelebte Schöpfungsverantwortung.
Pastor Stephan Jacob führt durch die Gartenkirche und erzählt, wie aus einer Idee während der Corona-Pandemie ein lebendiger Ort geworden ist.

Zwischen Blumen, Kunstwerken, Vogelhäusern, Totholzhecken und den bekannten Kirchenhühnern finden Menschen einen Platz zum Verweilen, Beten, Trauern, Danken oder einfach zum Durchatmen.
Entdecken Sie eine Kirche, in der „draußen mehr drin“ ist.

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