„Meditation führt zurück in die Verbundenheit mit Gott und mit sich selbst.“

Wer heute nach Ruhe sucht, findet sie oft nur noch in kleinen Zwischenräumen: zwischen Terminen, Nachrichten und Erwartungen. Gerade deshalb wächst das Interesse an Orten und Formen, die helfen, innezuhalten, Kraft zu schöpfen und wieder bei sich selbst anzukommen.

Für Pastor i. R. Bernd Skowron ist christliche Meditation ein solcher Ort. Seit rund 30 Jahren begleitet sie sein Leben – zunächst als persönliche spirituelle Entdeckung, später als fester Bestandteil seiner Gemeindearbeit und heute im offenen Angebot „Lüneburg geht in die Stille“. Warum Meditation und christlicher Glaube für ihn eng zusammengehören, weshalb Jesus selbst die Stille suchte und weshalb meditative Angebote für Kirche und Gesellschaft heute an Bedeutung gewinnen.

Wie sind Sie zur Meditation gekommen? Welchen Stellenwert hat sie heute in Ihrem Leben?

Bernd Skowron: Meditation spielte in meiner Jugend überhaupt keine Rolle. Es gab weder in meiner Kirchengemeinde noch während meines Theologiestudiums entsprechende Angebote. Gleichzeitig hatte ich immer die Sehnsucht nach einer verlässlichen spirituellen Praxis. Vor rund 30 Jahren habe ich deshalb an einer Schweigewoche im Benediktinerpriorat Damme teilgenommen. Ehrlich gesagt war ich damals auch unsicher. Ich fragte mich: Was passiert, wenn ich still werde? Was könnte in mir auftauchen, dem ich lieber ausweiche?

Diese Sorge teilen viele Menschen, und zwar völlig zu Unrecht. Wenn wir zur Ruhe kommen, begegnen wir nicht plötzlich etwas Fremdem. Wir nehmen lediglich klarer wahr, was ohnehin in uns lebt. Im Alltag wird das oft von Arbeit, Verpflichtungen und Freizeit überdeckt. Meditation hat mir geholfen, mich mit mir selbst anzufreunden. Ich habe mehr Klarheit darüber gewonnen, was ich wirklich brauche und was nicht. Gleichzeitig ist mein Vertrauen in Gott gewachsen. Ich erlebe, dass ich nicht allein bin, sondern getragen werde.

Was verbindet für Sie christliches Beten mit meditativer Stille? Wo liegt der Unterschied?

Skowron: Jesus selbst hat gesagt: „Macht nicht viele Worte.“ Das finde ich bemerkenswert. Gebet bedeutet für mich, Sorgen vor Gott zu bringen, Dank auszusprechen oder für andere Menschen zu beten. Ob laut oder leise, spielt dabei keine Rolle. Meditation setzt an einer anderen Stelle an: Beim Gebet spreche ich. In der Meditation höre ich.

Ich versuche still zu werden und empfänglich zu sein für das, was Gottes Geist schenken möchte: Lebensmut, Mitgefühl, Geborgenheit oder neue Kraft. Meditation ist deshalb weniger ein Senden als vielmehr ein Empfangen. Gerade dieses hörende Element empfinde ich als große Bereicherung des Glaubenslebens.


„Christliche Meditation enthält all das, was Achtsamkeit und Stressreduktion ermöglichen.“

Pastor Bernd Skowron

Meditation wird heute oft als religionsunabhängige Technik verstanden. Was unterscheidet christliche Meditation von säkularen Achtsamkeitsangeboten?

Skowron: Ich denke dabei etwa an die Achtsamkeitspraxis nach Jon Kabat-Zinn, also MBSR – Mindfulness Based Stress Reduction. Das ist eine hervorragende Methode, gerade in belastenden Lebensphasen wieder zu sich selbst zu finden. Ich empfehle sie ausdrücklich. Christliche Meditation enthält all das, was Achtsamkeit und Stressreduktion ermöglichen. Sie geht jedoch noch einen Schritt weiter.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sich selbst als nicht religiös verstehen. Dadurch entsteht oft eine Art transzendentale Obdachlosigkeit: Menschen verlieren den Kontakt zu einer tieferen Dimension ihres Lebens und orientieren sich vor allem an äußeren Erfolgen oder am eigenen Ich. Christliche Meditation führt dagegen zurück in die Verbundenheit – mit Gott, mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Schöpfung. Der frühere Fernsehpfarrer Jörg Zink hat das einmal schön formuliert: Wer sich nach innen wendet, gewinnt Kraft, sich anschließend um die Welt zu kümmern, zu heilen, zu trösten und zu lieben.

Meditation lässt sich lernen

Viele Menschen sagen, sie könnten ihre Gedanken einfach nicht abschalten. Kann man Meditation lernen?

Skowron: Unbedingt. Niemand braucht Vorkenntnisse. Mit unserer Initiative „Lüneburg geht in die Stille“ bieten wir bewusst einen einfachen Einstieg an. Gemeinsam mit der Bewegungstherapeutin Kornelia Tillack gestalten wir eine angeleitete Meditation, bei der jede und jeder leicht bei sich ankommen kann. Es geht dabei nicht darum, Gedanken auszuschalten. Im Gegenteil: Gedanken, Gefühle und innere Bilder dürfen auftauchen. Sie werden lediglich wahrgenommen, ohne sie sofort verändern oder bewerten zu müssen.

Je vertrauter Menschen mit Meditation werden, desto stärker erleben sie ihre Wirkung im Alltag. Viele berichten davon, bewusster, gelassener und klarer zu leben. Interessierte können sich per E-Mail über Termine und Orte informieren.

Haben Menschen über Meditation einen neuen Zugang zur Kirche gefunden?

Skowron: Ja, das habe ich in meiner Zeit als Gemeindepastor sehr deutlich erlebt. Meditative Gottesdienste wurden von etwa dreimal so vielen Menschen besucht wie klassische Gottesdienste. Das allein ist zwar noch kein Qualitätsmerkmal, zeigt aber, dass viele Menschen nach solchen Formen suchen. Entscheidend ist für mich etwas anderes: Inspirierende Texte in Verbindung mit Stille berühren Menschen oft sehr tief. Viele erleben dadurch eine Vertiefung ihres Glaubens und ein größeres Verständnis für sich selbst und für Gott.

„Oft laufen wir nur noch auf Autopilot. Genau hier setzt Meditation an. Sie fordert nicht noch mehr Leistung. Im Gegenteil: In der Meditation geht es darum, einfach da zu sein.“

Pastor Bernd Skowron
Die Lüneburger Kreuzkirche auf Leinwand (Foto: Anne-Katrin Schwanitz)

Jesus ging in die Stille

Manche fragen, ob Meditation überhaupt ein kirchliches Angebot sein sollte. Was antworten Sie darauf?

Skowron: Ich würde sagen: Wer die Evangelien aufmerksam liest, entdeckt, dass Jesus selbst immer wieder die Stille gesucht hat. Nach der Speisung der Fünftausend zog er sich zurück. Vor der Berufung der Apostel verbrachte er Zeit allein im Gebet und in der Stille. Dort gewann er Kraft und traf wichtige Entscheidungen.

Jesus war also nicht nur jemand, der sprach und handelte. Er war auch ein Hörender. Sein Wirken wuchs aus diesen Zeiten der Stille heraus. Deshalb gehört Meditation aus meiner Sicht ganz selbstverständlich zur christlichen Tradition.

Warum passen meditative Glaubensformen gerade heute so gut in unsere Zeit?

Skowron: Unsere Gesellschaft verlangt den Menschen immer mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung ab. Beruflich wie privat stehen viele dauerhaft unter Druck. Wir müssen mehr organisieren, mehr wissen und ständig Entscheidungen treffen. Oft laufen wir nur noch auf Autopilot.
Genau hier setzt Meditation an. Sie fordert nicht noch mehr Leistung. Im Gegenteil: In der Meditation geht es darum, einfach da zu sein. Den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen. Gedanken, Gefühle und Bilder kommen und dürfen da sein, ohne dass wir sofort etwas verändern müssen. Diese Erfahrung, einfach sein zu dürfen, ist für viele Menschen heute ungewohnt – und gerade deshalb so heilsam.

Gegen Hass und Spaltung

Mit „Lüneburg geht in die Stille“ verfolgen Sie auch einen gesellschaftlichen Gedanken. Welcher ist das?

Skowron: Neben der persönlichen Erfahrung gibt es auch eine gesellschaftliche Dimension. Wir erleben derzeit, wie Polarisierung, Hass und Spaltung zunehmen. Mit „Lüneburg geht in die Stille“ möchten wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Traditionen zusammenbringen: christliche Meditation, buddhistische Angebote, MBSR, Yoga, Tai Chi oder Qigong. Menschen mit unterschiedlichen religiösen oder weltanschaulichen Hintergründen sitzen gemeinsam in der Stille.

Für mich ist das ein starkes gesellschaftliches Signal. Trotz aller Unterschiede verbindet uns die Sehnsucht nach Frieden, Achtsamkeit und Menschlichkeit. Genau das möchten wir sichtbar machen.

Was können klassische Gottesdienste von meditativen Formaten lernen?

Skowron: Ich bin vielleicht nicht der richtige Ansprechpartner für eine strikte Unterscheidung, weil ich meine Gottesdienste im Laufe der Jahre selbst immer stärker meditativ gestaltet habe – sogar den Weihnachtsgottesdienst am Heiligen Abend. Dazu kamen Menschen aus anderen Gemeinden und auch viele, die mit klassischer Kirche kaum noch etwas anfangen konnten. Sie suchten genau diese Verbindung aus Stille, Musik, spirituellen Impulsen und gemeinschaftlicher Erfahrung.

Ich glaube deshalb, dass Kirche gut daran tut, Menschen dort zu begegnen, wo sie heute suchen. Wer ausschließlich an klassischen Formen festhält, wird sich vermutlich mit weiter sinkenden Besucherzahlen auseinandersetzen müssen. Meditative Angebote ersetzen klassische Gottesdienste nicht. Sie erweitern das Spektrum kirchlichen Lebens – und eröffnen vielen Menschen einen neuen Zugang zu Glauben, Spiritualität und Gemeinschaft.

Lüneburg geht in die Stille

Der Altar der Kreuzkirche Lüneburg wird bei "Lüneburg geht in die Stille" zum Meditationsraum. (Foto: J. Koke)

Die monatliche Veranstaltungsreihe „Lüneburg geht in die Stille“ lädt ein zu angeleiteten meditativen Abenden mit Stille, spirituellen Impulsen, Musik und achtsamer Körperwahrnehmung; Leitung: Pastor i. R. Bernd Skowron und Bewegungstherapeutin Kornelia Tillack. 

📍 Adresse: Kreuzkirche Lüneburg, Röntgenstr. 34, 21335 Lüneburg. 
Zeit: In der Regel am ersten Freitag im Monat, Beginn 19:30 Uhr (Einlass vor Beginn; nach 19:30 Uhr wird die Tür aus Rücksicht auf die Stille geschlossen). 
Dauer & Beitrag: Ca. 90–120 Minuten; Eintritt in der Regel 10 Euro, ermäßigt 5 Euro 
Zielgruppe: Offen für alle Interessierten, unabhängig von Konfession oder Vorerfahrung; geeignet für Einsteigerinnen und Erfahrene. 

Anmeldung & Kontakt: Plätze begrenzt; weitere Informationen und aktuelle Termine auf der Veranstaltungsseite der Kreuzkirche [Meditation] oder telefonisch über das Gemeindebüro (montags 8-12 Uhr und donnerstags 8-12 Uhr) oder über Berd Skowron: 0151-1111-1614

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Video: Bernd Skowron im Videointerview

Pastor i. R. Bernd Skowron spricht über seinen persönlichen Weg zur christlichen Meditation und erklärt, warum sie weit mehr ist als eine Entspannungstechnik. Im Gespräch geht es um die Verbindung von Gebet und Meditation, die Sehnsucht nach innerer Ruhe, den Unterschied zu Achtsamkeitstrainings und die Frage, welche Rolle meditative Angebote in der Kirche der Zukunft spielen können.

Dabei macht Bernd Skowron deutlich: Christliche Meditation ist kein Weg zur Selbstoptimierung oder zum „Higher Self“. Sie lädt dazu ein, einfach da zu sein, auf Gottes Geist zu hören und neue Kraft für den Alltag zu schöpfen.
Außerdem erzählt er, warum meditative Gottesdienste oft Menschen erreichen, die mit klassischen Gottesdienstformen wenig anfangen können, und weshalb gemeinsame Stille für ihn auch ein Zeichen gegen Hass und gesellschaftliche Spaltung ist.

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